Weibblick - Magazin aus Frauensicht

Magazin aus Frauensicht

EIn Päckchen für Fritz J. Raddatz

Meine flüchtigen Begegnungen mit Fritz J.Raddatz, dem Freund von Thomas Brasch

Fritz J. Raddatz ist tot. Er hat sich das Leben genommen. Außer von ein paar flüchtigen Begegnungen kenne ich ihn nicht.

Das erste Mal treffe ich ihn, als er 1989 Brasch in der Wohnung am Nikolsburger Platz besucht. Sie sitzen sich beide an dem großen ovalen Tisch vor dem Bücherregal neben dem Fenster gegenüber. Auf dem Tisch stehen neben Teekännchen und Tasse auch Sekt und Whisky. Es wird viel geraucht, der Aschenbecher füllt sich in kürzester Zeit. Raddatz sitzt zurückgelehnt im Stuhl mit übereinander geschlagenen Beinen, Brasch hat seinen Oberkörper nach vorn gebeugt, beide Unterarme liegen auf dem Tisch. Immer wieder redet er gestikulierend auf den Älteren ein, um ihn von seiner Meinung zu überzeugen. Es geht um die DDR. Um die Ideale, die dort und nicht hier in der BRD beheimatet waren. Und was sich jetzt alles in und mit diesem Land anstellen ließe; was für eine andere DDR es sein könnte. Raddatz wehrt ab, manches Mal mit einer wegwischenden Handbewegung, um dann selbst in Vorlage zu gehen. „Welche Ideale?“ Und führt die Stasi und ihre geplanten Lager zur Umerziehung uneinsichtiger Menschen an. Brasch pariert sofort. Und so geht es einige Stunden. Da ist mehr als nur Verstand und Empathie im Raum. Brasch liebt Raddatz und Raddatz liebt Brasch. Sie duzen sich nie.

Ich sitze auch dabei. Zu Wort komme ich nur dann, wenn Brasch mich auffordert, etwas zur mentalen Verfassung des Ostens zu sagen. Als ob der Osten meine Familie ist, denke ich und suche nach Worten. Aber diese interessieren Raddatz sowieso nicht. Er weiß Bescheid, hat den Osten nicht vergessen. Gelangweilt schaut er durch mich hindurch. Für ihn bin ich eine Art „verquere Wege einer heimlichen Homosexualität“ seines Freundes als Reaktion auf den Tod des Vaters. Dieser war im Oktober gestorben. Brasch durfte das erste Mal nach seiner „einmaligen Ausreise zwecks Übersiedlung aus der DDR“ 1976 nach Westberlin wieder einreisen, um seinen Vater Horst Brasch in Reih und Glied – eingezwängt zwischen Günther Mittag und Margot Honecker – auf dem „Sozialistenfriedhof“ in Berlin-Friedrichsfelde zu Grabe zu tragen. Als ich ihn später frage, wie er sich dabei gefühlt habe, antwortet er: „Kalt! – Und gleichzeitig angefasst.“ Dann stockt er: „Meine Schwester hing mir soooo schwer im Arm, dass es schmerzte und ich gedacht habe: Wann ist es endlich vorbei?“

Deutsch-Israelische Literaturtage im Frühjahr 2005

Das zweite Mal treffe ich Raddatz auf einer Veranstaltung im Frühjahr 2005 in Berlin. Er ist als Gast auf einem politischen Podium der deutsch-israelischen Literaturtage mit dem Titel „Die Vergangenheit ignoriert dich nicht“ der Böll-Stiftung und des Goethe-Institutes eingeladen. Hier soll er als einer unter anderen über das Lebensgefühl der 68iger Generation sprechen. Er fühlt sich nicht wohl dabei. Zu wenig Luft, um sich glänzend zu entfalten. Jeder kommt hier nur mit ein paar Sätzen zu Wort. Und die sind dann meist aus dem Zusammenhang gerissen oder von der Moderation willkürlich aneinandergereiht. Nach zwei Stunden auf der Bühne wird es auch beim frohen Zusammensein danach nicht besser. Zu den hier anwesenden Gästen aus Politik, Nichtregierungsorganisationen und Kultur fühlt er sich weder hingezogen noch von ihnen wertgeschätzt. Es kümmert sich auch keiner um ihn. Amos Oz und seine Verlegerin Ulla Berkéwicz haben sich am anderen Ende des Saals verkrümelt. Das wiederum ist mir peinlich. Ich fühle mich verantwortlich. Und das nicht nur, weil ich in der Stiftung arbeite. Also gehe ich auf ihn zu und spreche ihn an, was mich einiges an Überwindung kostet, schließlich will ich niemanden langweilen. Er ist nicht abgeneigt. Wir verbringen den Rest des Abends miteinander. Am Ende einer Tischtafel. Er sitzt noch weiter außen als ich. Niemand kommt, um ihn „abzuklatschen“. Raddatz beschreibt das Treffen in seinem Tagebucheintrag wieder als eine Ironie der Geschichte in Erinnerung an seinen Freund Brasch.

Begegnung im Tagebuch

Um beim Tagebuch zu bleiben: Den zweiten Band (nur der steht im Regal) durchstreife ich überhaupt das erste Mal, nachdem ich das Interview von Arno Widman mit Fritz J. Raddatz im Magazin der Berliner Zeitung  ein paar Wochen vor seinem Tod gelesen habe. In diesem letzten Gespräch ist viel Rückschau und von Abschied die Rede.

Im Tagebuch lese ich dann über die Benn-Lesung im Potsdamer Peter-Huchel-Haus, zu der er eingeladen ist und die er besucht. Dort spricht ihn ein Bekannter des von ihm hoch geachteten Freundes Erich Arendt an, der ihm erzählt, wie sehr sich Arendt über die West-Pakete von Raddatz mit Kaffee, Schokolade und Seife gefreut habe.

Sofort habe ich den Duft dieser besonderen Mischung in der Nase. Diese Päckchen waren auch für mich als Kind etwas Wunderbares, wenn sie jedes Jahr zu Weihnachten auf den Familientisch gestellt wurden. In dieser Zeit wollte ich immer die erste am Briefkasten sein, um den grauen Paketzustellzettel wie eine Trophäe zeigen zu können. Nacheinander werden diese Wunderkisten von meiner Schwester oder mir von der Post mit der Vollmacht der Eltern abgeholt. Keines darf vor der heiligen Stunde geöffnet werden. Verschnürt mit sechsfachen Paketband bleiben alle Boten aus dem Westen im dunklen Regal hinter dem grünen Vorhang liegen. Ist dann der Abend vor dem Heiligen Abend gekommen, sitzen meine Schwester und ich frisch gebadet in Schlafanzug und Bademantel erwartungsvoll am Tisch. Meine Mutter hat Schnittchen und Obststücke vorbereitet, Tee und eine Flasche Bier gibt es auch. Der Vater nimmt an der Stirnseite des Tisches Platz und schnürt als Oberhaupt der Familie jedes Päckchen sorgsam auf, lugt unter das Papier, schlitzt mit dem Messer die Pappe auf und zieht langsam, sehr langsam ein Stück nach dem anderen heraus, hebt es in die Höhe und sagt laut und deutlich (obwohl es alle sehen können): Schokolade (Milka) ….. Kaugummi (Hitschler)…… Seife (Lux) …. Kaffee (Jacobs) … Und ja, auch ein knallgelber Pullover mit Asterix und Obelix und eine Jeans (Jingler, die mit dem Glöckchen) sind für uns Mädchen dabei.

Raddatz hat zu diesem Eintrag in seinem Tagebuch in Klammern gesetzt: „Wer hat eigentlich MIR jemals solche Päckchen geschickt?“ Gut, denke ich. Es ist eine Gelegenheit, ihm die Neuauflage der gesammelten Gedichte „Sie nennen es Schrei“ von Brasch zu schicken, die er so persönlich nach ihrer Erstveröffentlichung in der ZEIT besprochen hat. Darin bezeichnet er Brasch als den herausragendsten, den begabtesten Lyriker seiner Generation.

Ich gehe also in einen ausgezeichnetes Geschäft und verbringe bestimmt zwei Stunden mit dem dicken Ladeninhaber, um den richtigen Espresso, die passende Schokolade und mild-duftende Seife auszusuchen. Nicht zu scharf, nicht zu herb, nicht zu aufdringlich, sondern ausgewogen für einen alternden Gourmet und Ästheten, über den ich ja sonst nichts weiß. Natürlich denke ich auch an seine farblich abgestimmte Kleidung, die wohl temperierten Farben und Arrangements in seiner Wohnung. Und weil ich mich nicht blamieren möchte, bemühe ich mich um gutes Einwickelpapier. Nachdem alles verschnürt ist, liegt es noch einige Tage in der Küche, bevor es dann die Tochter bei der Post aufgibt.

In der Zwischenzeit lässt sich Raddatz für die Matinee zum 70igsten Geburtstag Braschs am 22. Februar 2015 im Berliner Ensemble eine Karte zurücklegen und bucht ein Zimmer im Hotel Kempinski. Keiner wundert sich, obwohl er an diesem Wochenende nach Sylt fahren will. Kommt er eben nach. Alles zieht ihn zu seinem zu früh verstorbenen Freund hin und der von ihm sehr geschätzten Katharina Thalbach.

Nur will Herr Raddatz an diesem Wochenende gar nicht nach Berlin fahren, sondern nach Zürich in die Schweiz. Hier will er das wahrmachen, von dem er auch im besagten Interview spricht: Sterben.

Und Brasch? Was spielt Brasch für eine Rolle nach dem letzten Aufzug im Stück des Professor Raddatz? Brasch ist seine Tarnkappe. Brasch ist der Schleier, unter dem sich Raddatz möglichst geräuschlos aus dem Staub machen will. Der Coup gelingt ihm nicht, die Vorbereitung auf „DAS“ sind doch offensichtlicher und machen die Geräuschlosigkeit zunichte. So erzählt es mir sein Lebensgefährte Gerd Bruns am Telefon, der mich in Berlin über ein paar Umwege ausfindig macht und mir einen Zettel mit einer Nachricht in den Briefkasten stecken lässt. Dennoch: Es ist die letzte Liebesgeste zwischen diesen beiden Männern. Zwischen ihnen, die sich Vertrautes gesagt, wie die Kesselflicker gestritten und sich jederzeit respektiert und „gehalten“ haben. Hat eigentlich jemand die Ähnlichkeit ihrer beiden Handschrift bemerkt? Dieser Schwung beim B, das nach unten gezogene Z oder das g. Man sehe sich geradezu das Wort „geradezu“ im Vergleich an.

Ein paar Tage später melden es die Medien: Fritz J. Raddatz ist tot. Er hatte sich entschieden, sein Leben in der Schweiz enden zu lassen.

Das von mir für Raddatz gepackte Päckchen kommt am Tag seiner Abreise in die Schweiz an.

 

Epilog

Am 13.4.2015 schreibt der Lebensgefährte von Fritz J. Raddatz an mich: … nochmals, wie bereits telefonisch bekundet, meinen besten Dank für das Paket. Leider, leider hat es den Adressaten ja nicht mehr erreicht – aber davon habe ich ja provitiert. Liebe Grüße, Gerhard Bruns-Raddatz

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