Weibblick - Magazin aus Frauensicht

Magazin aus Frauensicht

Häuser, die Verrückte machen (aus: Asterix erobert Rom)

Infoschalter, Wartenummern, Ablage-und Bezahlsysteme. Unsere Gastautorin Petra Tesch schreibt über ihren Urlaubstag, den sie sich für ihr Auto genommen hat.

Das Problem

Eines meiner Auto-Nummernschilder (vorne) steckt samt Halterung wahrscheinlich in einer Schneewehe in Mecklenburg-Vorpommern. Deshalb nehme ich heute einen Tag frei, mir von den Berliner Ämtern eine neue Autonummer, zwei neue Kennzeichen (vorne und hinten), eine neue Zulassung sowie eine neue Parkvignette ausstellen zu lassen.

Ich bin vorbereitet: In der Werkstatt habe ich mir zeigen lassen, wie ich – auch mit froststeifen Fingern, auch auf einem schummrigen Parkplatz, theoretisch sogar morgens um 7, also auch im Halbschlaf, unter Zuhilfenahme eines Schraubenziehers – das verbliebene Nummernschild aus der Halterung bekomme und später die beiden neuen einsetzen kann.

Ein Anruf bei der Berliner Ämternummer, was es mit der im Internet unter „Erforderliche Unterlagen“ genannten elektronischen Versicherungsbestätigung (eVB) auf sich hat, bringt leider keine Antwort: Nach 20 Minuten fliege ich aus der Warteschleife, nach weiteren 10 gebe ich auf und beschließe, dass der schriftliche Versicherungsbescheid genügen muss. Los geht’s also zum gebührenfreien Parkplatz in der Ferdinand-Schulze-Straße. Der Mann, der vor mir eine Parklücke ergattert hat und schon neue Schilder in den Händen hält, hat nicht vorher geübt: Er schafft es in den 10 Minuten meiner Parkplatzsuche nicht, die teuer erstandenen Schilder so zu montieren, dass sie nicht gleich wieder rausfallen. Mir kommt der Gedanke, dass die Nummernschildhalterungen allesamt von Männern ausgedacht sind.

Die Dynamik des Erlebens von Handlungsmacht

Plakatierter Text an einer Häuserwand in Leipzig

Die KFZ-Zulassungsstelle

Die freundliche Person am Infoschalter spricht von ca. 1 Stunde Wartezeit, die eVB wird nicht benötigt. Auch kein sonstiger Versicherungsbescheid und nicht die Abgas- und Hauptuntersuchungsbescheide, ohne die es laut Internet gar nicht geht. Ich richte mich ein im Wartezimmer im dritten Stock. Immer vier wackelnde und quietschende Hartschalensitze in einer Reihe, fünf Reihen hintereinander, dann weitere fünf Reihen andersherum. Die So- und die Andersherumguckenden haben je eine elektronische Nummernanzeigetafel vor sich. Beide Tafeln gongen in kurzen Abständen synchron und verkünden einen freien Bearbeitungsplatz oder rufen Wartende zum Ausgabeschalter 3. Außer auf die Nummernanzeige  sehe ich auf einen gegen die Sonne gehängten Bildschirm der vertraglichen Werbepartner: „Wie handeln sie richtig beim Halteverbotsschild?“. Nach „nur“ drei Mal: „Sie dürfen nicht anhalten“ wird meine Nummer 2007 zum Platz 329 gerufen. Alles geht sehr zügig: Zulassungsbescheinigung Teil 1 und 2, Personalausweis wandern über den Tisch, nein, kein Wunschkennzeichen. Die Bearbeiterin hat, weil sie es so oft sagen muss, gerade vergessen, wie der Automat heißt, an dem die Gebühren entrichtet werden müssen („Geld-, äh Bezahlautomat?“), wir einigen uns auf Kassenautomat. Der ist nicht das Problem. Das Problem sind die zwei Frauen im verqualmten Schilderladen, die mir 40 € abnehmen, weil ich nicht im Traum glauben würde, dass sie so unverfroren sind, das Dreifache vom Laden auf der anderen Straßenseite zu verlangen. Leider träume ich nicht und zahle. Soviel Selbstverantwortung muss sein: Da kann doch ein Amt nicht vor Abzocke warnen!

Der Rest ist schnell erzählt; noch einmal hoffen, dass der wackelnde Sitz nicht ausgerechnet jetzt gänzlich schlappmacht und ich zum Gespött der derzeit 50 Wartenden werde – geschafft! Nach einer halben Stunde werden am Ausgabeschalter 3  die Präge- und TüV-Zeichen auf die neuen Schilder geklebt und mir übergeben. Nach zwei Stunden rolle ich – neu beschildert und um knapp 100 € erleichtert- vom Parkplatz.

Das Bürgeramt Prenzlauer Berg

Der Flur im Bürgeramt Prenzlauer Berg, wo ich gleich noch die Parkvignette ändern lassen will, gähnt hoffnungsfroh leer vor sich hin. Leider ändert sich das Bild, nachdem ich um die Ecke biege: Ich zähle 8 Leute vor der Information, alles noch im grünen Bereich. Als ich dran bin, werden mein Personalausweis und die Zulassung für  ungenügend befunden. Genügend wäre eine Kopie des Personalausweises und eine Kopie der Zulassung. Nein, leider ist es nicht möglich, im Bürgeramt Kopien anzufertigen oder anfertigen zu lassen. Ausnahmsweise wird mir der Weg zum nächsten Copyshop gewiesen, nur ca. 100 Meter, auf der anderen Straßenseite der Prenzlauer Allee. Wissend, dass alles Jammern und Lamentieren die Herzen von Verwaltungsangestellten nicht erweichen, nicht ihren Verstand erreichen und erst recht keine Änderungen in Gang setzen, füge ich mich. Als ich zurück bin, ist die Schlange an der Info auf 10 angewachsen, im Warteraum sitzen weitere 6. Der Mann an der Info sagt: „Oh, da wird es ja heute doch noch einmal voll.“ Bevor ich erneut dran bin, wird noch zwei Personen ausnahmsweise der Weg zum Copyshop gewiesen. Die Schlange murmelt von Schildbürgerstreichen und Amtsanmaßungen eines Hauptmanns von Köpenick. Meine Kopien werden nun für ausreichend befunden, ich darf im Wartezimmer Platz nehmen. Dort gibt es Stühle aus mehreren Ämtergenerationen und gleichmäßig über die Wände verteilte Plakate: „Gute Regeln machen Sinn“ zu unterschiedlichen Regelthemen wie Hygiene in Gaststätten oder Verkehrsampeln. Mein Stuhl wackelt nicht. Eine Anzeigetafel ist nicht zu sehen. Von Zeit zu Zeit erscheint der immer gleiche Verwaltungsangestellte im Warteraum und ruft die nächste Wartenummer auf. Die ist mit schwarzem Filzstift auf einen handgerissenen und schon abgegriffenen A6-Zettel gezeichnet und muss auf dem Weg ins Bearbeitungszimmer wieder im Wartenummernkästchen der Infostelle abgelegt werden. Nach 70 Minuten darf ich dem einzigen Bearbeiter, der an diesem Tag hier Bürgerdienst tut, den langen leeren Flur ins  Verwaltungszimmer folgen; schwenk nach rechts, „Bitte die Nummer hier ablegen“, dann sitze ich vor seinem Schreibtisch. Er prüft meinen Antrag und die Kopien, nein, die Originale benötige er nicht. Er prüft die alte Vignette, die ich in weiser Voraussicht mitgebracht habe. Sie sieht traurig aus, die Aufschrift ist auf meiner Frontscheibe kleben geblieben. Er tippt etwas in seinen Computer. „Können Sie mit Karte zahlen, sonst muss ich sie in Haus 6 schicken. Das macht 10,20 €“ Glücklicherweise kann ich und halte Minuten später die neue Vignette in der Hand. Als ich zu meinem Auto komme …, nein, es ist kein Strafzettel wegen fehlender Vignette an der Scheibe. Das Ordnungsamt hat ein Einsehen gehabt oder war heute unterbesetzt. Meine nagelneuen Nummernschilder strahlen in der aufkommenden Aprilabendsonne.

Petra Tesch lebt und arbeitet in Berlin als Redakteurin und Projektmanagerin für Internet und E-Learning.

Ein Kommentar

  1. Ein wohliger Schauer des Wiedererkennens. Andere Ämter, ähnliche Vorgänge. Herrlich, darüber zu lesen und nicht gerade selber auf einem wackeligen Stuhl vor einem Warteautomaten zu sitzen.

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