Weibblick - Magazin aus Frauensicht

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AGNUS DEI – Christi, du Lamm Gottes. Ein Festtag in Georgien

Es regnet seit Tagen. Pünktlich stehe ich vor einer Kirche in Georgien, um Grigori beim Schlachten des Schafes für das Festessen zu begleiten.

Ich stehe vor einer Kirche in Georgien. Es regnet seit Tagen. Heute auch. Am späteren Mittag soll es aufklaren.

Im Kirchhof

Um die Kirche geht ein Mann, der sein Lamm an der Leine führt. Auf seinem hellen wolligen Rücken ist ein blaues Kreuz gezeichnet. Ihnen folgt ein junges Mädchen. Sie hat ihr Handy in der Hand. Dreimal umringen sie die kleine Kirche,  dreimal drücken sie küssend ihre Lippen gegen die steinernen Ecken der Mauern. 20 km sind sie von ihrer kleinen georgischen Stadt Garzia bis hierher gefahren. Zu dieser Kirche ohne Dorf, die abschüssig und recht verloren unweit der Straße steht. Es ist die Zeit, in der nach Osten geschaut wird. Aus dieser Himmelsrichtung soll der Auferstandene zu den Menschen kommen. So steht es geschrieben.

Um die Kirche geht ein Mann und führt sein Lamm. Seine Tochter folgt ihm.

Opfergang um die Kirche

Aber will er das wirklich? Die Menschen schlagen sich noch immer unter dem Mantel eines der Heiligen gegenseitig die Köpfe ein; die Mühen der Aufklärung scheinen umsonst gewesen zu sein. Lässt sich das mit Blut reinwaschen?

Hier halten die Busse auf halber Strecke. Aus ihnen steigen junge und alte Menschen aus, um sich eilig in der Kirche vor den Heiligen an den rußigen Wänden zu bekreuzigen, Kerzen anzuzünden und Gebete zu murmeln.

Vom Ausflug in den Kirchturm

Inzwischen bin ich eine äußerst wacklige Holztreppe an dem Turm neben der Kirche empor geklettert. Hier habe ich nicht nur eine gute Aussicht auf das vorösterliche Treiben, sondern kann auch nachsehen, was sich hinter der gusseisernen Tür im Turm befindet. Ich sehe in einen winzigen Raum mit gekalkten, kahlen Wänden. An der linken Wand hängt ein einzelner Kleiderbügel, an der Seite gegenüber steht das Bettgestell mit einer dunklen Matratze. Auf ihr liegt eine dünne, fadenscheinige Decke. Die Sicht-Luke ist geschlossen. Ich setze mich auf das Bett und blicke mich um. Ein kleiner Krug steht am Boden, eine zerfledderte Bibel liegt auf einem Brett. Es ist wohl der Schlafraum des Priesters, der sich ab und zu hier blicken lässt. Es riecht muffig. Nach einer Weile steige ich sehr vorsichtig die Stiege rückwärts wieder herab. Unten angekommen, steht mir plötzlich eine ältere Frau gegenüber. Sie trägt ihr Haar kurz geschnitten. Ihre Bluse ist geblümt und der knielange Rock schwarz.  Ihr Dreieckstuch hält sie fest umwickelt vor der Brust geschlossen. Am Arm baumelt eine Handtasche. Aufgeregt und mit lauter wehklagender Stimme redet sie auf mich ein und zeigt dabei immer wieder auf den Turm. Den Tränen nahe kann sie es nicht glauben, dass ich als Frau diesen heiligen, diesen geweihten Alkoven betreten und durch meine Anwesenheit entheiligt habe. Sie beschimpft nicht nur mich, sondern auch den Kirchenwärter, der nur Augen für die Besucher und die Sakristei hatte und dem entgangen war, dass soeben ihr persönlicher Glauben an das Heilige zerstört wurde. Das Haus Gottes ist nun nicht mehr das, was es noch vor zehn Minuten war. Kaputt.

Opferlamm schlachten

Aber das Lamm muss noch geschlachtet werden. Sein Blut muss doch an den Pfosten der Häuser das Böse fernhalten.  Das ist der Sinn der heutigen Veranstaltung. Agnus dei. Der Mann bindet also nach dem Weihegang die Beine des Tieres zusammen, um es in seinem Geländewagen aus Armeezeiten zum Schlachten zu fahren.

Ich fahre mit. Das junge Mädchen sitzt neben mir und spielt mit ihrem Handy. Das Tier liegt hinter uns. Still. Mit dem Tod kennt man sich ja aus, zu beobachten war er unlängst an der russisch-georgischen Grenze, denke ich. Und was sagen die Tierschützer? Gibt es hier noch nicht.

Wieder sind es ungefähr 20 Kilometer von Ort zu Ort. Der Himmel reißt auf.

An einer Straßengabelung führt der Weg in ein grünes Wäldchen. Der Wagen rumpelt auf dem vom Wasser ausgewaschenen Boden den Berg hinunter. Frisches Grün mischt sich nun mit Sonnenschein. Zauberwald,  denke ich. Birkenwäldchen, wie in den Märchen mit der weisen Wasilissa. Und es riecht auch so. Hier plätschert ein kleiner Bach mit Sandbänken, die zum Hüpfen einladen. Einmal um sich selber drehen, den Blick heben. Vor den Bergkuppen kreisen Adler und Bussarde. Sie sind hungrig, sie sind auf der Jagd.

Grigori ist der Mann des Aktes

Grigori, ein kräftiger mittelgroßer Mann in Armeekluft, steht in der Lichtung und erwartet die Fracht. Breitbeinig empfängt er uns in seinen Gummistiefeln mit einem schmallippigen, freundlichen „Hallo“. Die Männer küssen sich, bevor Grigori das Tier vom Laster hebt und auf den Boden ins Gras legt. Er schleift sein Messer mit einem ledernen Tuch. Nur das zischende Geräusch ist zu hören, sonst ist es ganz still. Grigori prüft zärtlich den Schneid des Messers zwischen Mittelfinger und Daumen. Dann kniet er nieder, umfasst fest den wolligen, warmen Körper mit seinem linken Arm, streift mich mit einem prüfenden Blick und durchschneidet dann die Kehle wie ein Laib Brot mit einem sehr schnellen, kräftigen, durchgehenden, einzigen, Schnitt. Der Körper zuckt nur einen Lidschlag lang. Nach einigen Sekunden gleitet der reglose Körper auf den Boden zurück. Das Rinnsal von Blut des Lamms sickert in die Erde. Grigori steht etwas mühsam und langsam wieder auf,  um nach einem passenden Ast für die Schlinge zu suchen, der die Last des Tieres tragen kann. Den findet er recht nah am Fluss. Doch bevor es zum Hängen kopfüber kommt, werden noch die Läufe abgeschnitten – alle vier nacheinander. Das knirscht. Danach der Kopf. Die Augen sind noch offen, blau und trüb der Blick. Jetzt wird der Rumpf ohne Kopf und Bein an den Baum gehängt. Mit ein paar scharfen, präzisen Schnitten trennt Grigori das Fell vom Körper. Bleich schimmernd und sehr rein kommt die Haut mit vielen Äderchen  nach und nach zum Vorschein. Wie zart, wie schmal und klein der Körper ist. Wie groß wirkt dagegen das Gedärm, das mit nur zwei Handgriffen ans Licht gezerrt wird, ohne dabei beschädigt zu werden. Nichts geht Grigori daneben. Er liebt die Tiere, sagt er – und er kann sie in seiner Liebe töten. Es ist ein klinisches Sezieren. Kein Laut dringt durch den Wald.

Grigori sucht im Wäldchen einen Ast zum Aufhängen

Grigori sucht einen Ast, um das Lamm aufzuhängen. Foto: Annette Maennel

Das Schaf wird an den Baum gehängt

Grigori knüpft das Schaf am Baum auf.Foto: Annette Maennel

Grigori schneidet dem Lamm die Beine ab

Grigori schneidet dem Lamm die Läufe, Foto: Annette Maennel

Grigori zieht das Fell vom Körper des Lamms

Grigori zieht das Fell vom Körper des Tieres. Foto: Annette Maennel

Grigorie holt die Gedärme aus dem Tier

Grigori holt die Gedärme aus dem Tier.Foto: Annette Maennel

Kopf und Gedärm des Lamms liegen im Gras.

Nach dem Opfer: Kopf und Gedärm des Tieres liegen im Gras. Foto: Annette Maennel

Suppentopf

Das Lamm im Suppentopf.

Jetzt liegt das Nützliche fein getrennt neben dem Unnützen. Das eine landet im großen Suppentopf, in dem über offenem Feuer die Mahlzeit für den fröhlichen Abends gekocht wird. Mit Kräutern, Zwiebeln und Gewürzen. Das andere wird den Vögeln ein Festmahl sein. Agnus dei.

 

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